„Das Atomkraftwerk? Es ist so still, es raucht nicht, es stinkt nicht - wie ein großes Tier liegt es da.“
Michael Danner Critical Mass/Kritische Masse

Rezensionen

Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK)
La Zona (Katalog)
Amin Farzanefar, 2012

(…) Der irrlichternden Flüchtigkeit des ätherischen Mediums Radio nur scheinbar entgegen steht die solide und stapelfähige Konsistenz der Literatursäule. Für Critical Mass/Kritische Masse: Bibliothek hat Michael Danner 99 Bücher, Zeitschriften und Schallplatten der 1970er und 1980er zusammengestellt. Im Rückblick erweist sich die Halbwertzeit überwiegend kernkraftkritischer Literatur als erschreckend gering. Die Titel der versammelten Bände – überwiegend Taschenbücher und Paperbacks mit Patina – bekunden eine klare ideologische Positionierung: Man ist dagegen und damit gut! 4 Diese Must-Haves der "Nein Danke!"-Szene stammen zum großen Teil aus Danners eigenem Bestand, finden sich aber auch auf anderen Dachböden. Heute noch auf dem Markt ist – wahrscheinlich einzig? – der "Was ist Was"-Band Vom Einbaum zum Atomschiff. Und wieder zurück? Die nächste, aktualisierte Ausgabe könnte in einer Outdoor-Lesart die Reihenfolge umkehren.

Zeitlich und räumlich näher dran am heißen Kern der Debatte, aber emotional distanzierter erscheint Danners Fotoreihe, Ergebnis einer aufwendigen Reise in die 17 Reaktoren der Republik, ein Endlager und ein Erkundungsbergwerk. Critical Mass/Kritische Masse bleibt ohne lautes Statement und wirkt umso unbehaglicher, als hier keine Frage gestellt oder beantwortet wird. So wie das schöne neue Springmesser keine Auskunft gibt, ob damit Omi abgemurkst oder doch nur Brot geschnitten wird… Die Bilder in uralte Gesteinsformationen hinein getriebener Hochtechnologie sind Kommentar genug: Eine rostrote, weiß schäumende lache hat etwas vom Bühnenbild einer Stalker-Theaterinszenierung, die das tropfende Environment der "Zone" nachstellen will; der Salzstock lässt an einen Atomschutzbunker denken, in dem Techniker und Betreiber vor sich selber Zuflucht suchen könnten, ein grau geriffelter Abluftröhrenwurm kriecht aus der Tiefe (alle: "Asse II"). Hingegen ist eine Außenaufnahme des AKW Brokdorf von einer keimfreien Romantik – Rasen, Wassergraben, im Hintergrund Bäume; fast könnte man schmerzlich Reh, Ente und Fuchs vermissen.
(…)

 

Reviews

Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK)
La Zona (catalogue)
Amin Farzanefar, 2012

(…) Der irrlichternden Flüchtigkeit des ätherischen Mediums Radio nur scheinbar entgegen steht die solide und stapelfähige Konsistenz der Literatursäule. Für Critical Mass/Kritische Masse: Bibliothek hat Michael Danner 99 Bücher, Zeitschriften und Schallplatten der 1970er und 1980er zusammengestellt. Im Rückblick erweist sich die Halbwertzeit überwiegend kernkraftkritischer Literatur als erschreckend gering. Die Titel der versammelten Bände – überwiegend Taschenbücher und Paperbacks mit Patina – bekunden eine klare ideologische Positionierung: Man ist dagegen und damit gut! 4 Diese Must-Haves der "Nein Danke!"-Szene stammen zum großen Teil aus Danners eigenem Bestand, finden sich aber auch auf anderen Dachböden. Heute noch auf dem Markt ist – wahrscheinlich einzig? – der "Was ist Was"-Band Vom Einbaum zum Atomschiff. Und wieder zurück? Die nächste, aktualisierte Ausgabe könnte in einer Outdoor-Lesart die Reihenfolge umkehren.

Zeitlich und räumlich näher dran am heißen Kern der Debatte, aber emotional distanzierter erscheint Danners Fotoreihe, Ergebnis einer aufwendigen Reise in die 17 Reaktoren der Republik, ein Endlager und ein Erkundungsbergwerk. Critical Mass/Kritische Masse bleibt ohne lautes Statement und wirkt umso unbehaglicher, als hier keine Frage gestellt oder beantwortet wird. So wie das schöne neue Springmesser keine Auskunft gibt, ob damit Omi abgemurkst oder doch nur Brot geschnitten wird… Die Bilder in uralte Gesteinsformationen hinein getriebener Hochtechnologie sind Kommentar genug: Eine rostrote, weiß schäumende lache hat etwas vom Bühnenbild einer Stalker-Theaterinszenierung, die das tropfende Environment der "Zone" nachstellen will; der Salzstock lässt an einen Atomschutzbunker denken, in dem Techniker und Betreiber vor sich selber Zuflucht suchen könnten, ein grau geriffelter Abluftröhrenwurm kriecht aus der Tiefe (alle: "Asse II"). Hingegen ist eine Außenaufnahme des AKW Brokdorf von einer keimfreien Romantik – Rasen, Wassergraben, im Hintergrund Bäume; fast könnte man schmerzlich Reh, Ente und Fuchs vermissen.
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