„Das Atomkraftwerk? Es ist so still, es raucht nicht, es stinkt nicht - wie ein großes Tier liegt es da.“
Michael Danner Critical Mass/Kritische Masse

Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung
Ein Fotobuch über die Atomkraft in Deutschland
Ulla Fölsing , 11.11 2013

"Kritische Masse" bezeichnet in der Kernphysik die für eine Kettenreaktion nötige Mindestmenge spaltbarer Stoffe. Genauso hat Michael Danner jetzt sein Fotobuch über die Atomkraft in Deutschland genannt. 135 Aufnahmen aus den Jahren 2007 bis 2011 dokumentieren Architektur, Sicherungssysteme und Alltag von 17 aktiven oder kürzlich abgeschalteten Kernkraftwerken (AKW) wie Isar, Grafenrheinfeld, Brokdorf und Krümmel sowie vom Endlager Asse II und dem Erkundungsbergwerk Gorleben. Danners Kamera schaut dabei ins Innere von normalerweise unzugänglichen Bereichen. Aus der Fülle der narrativ zusammengebundenen Bilder entsteht eine bundesdeutsche AKW-Chronologie.

Zum Einstieg verwendet Danner historische Schwarzweißfotos aus Landesarchiven und von seinem Kollegen Günter Zint aus den siebziger und achtziger Jahren. Sie erinnern an die heftigen Konflikte und bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen zwischen Kernkraftgegnern und Staatsgewalt bei der Planung und beim Bau von Atomkraftwerken. Auf Zints martialische Kampfszenen aus Brokdorf, Gorleben und Wackersdorf mit Hundertschaften militanter Demonstranten, massiver Polizeipräsenz, Wasserwerfern, Tränengas und Hubschraubereinsatz lässt Danner ruhige Landschaftsbilder in sanften Farben folgen. Sie zeigen intakte, schöne Natur und schließlich eine ländliche Siedlung in der Abenddämmerung.

Eher nebensächlich tauchen am Horizont in bewährter Atomkraft-Ikonografie Kühltürme wie die Türme einer Kathedrale auf. Aus der Ferne führt der Fotograf an die Gebäude einzelner Kraftwerke heran, durchquert die Schleusen ihrer Eingangsbereiche, gelangt über Büros, Kantinen, Untersuchungszimmer und Umkleideräume in Schaltzentralen, Maschinenräume und schließlich in den innersten Bereich des Reaktors zur Stahlkugel mit eingelagerten Brennstäben.

Der Weg ins Allerheiligste verläuft wenig spektakulär: Wände voller penibel aufgereihter Schlüssel, Schließfächer, Aktenschränke, Schreibtische und Zimmerpflanzen muten wie ein beliebiges Büroumfeld an, und selbst das einsame Kruzifix in der Warte des AKW Isar scheint bajuwarische Normalität. Auch die Steuerzentrale mit Schalttafeln und Monitoren verweist eher auf postindustrielle Produktionsprozesse, nicht aber auf das besondere Gefahrenpotential von Arbeitsplätzen in Kernkraftwerken. Die Turbinen, Kondensatoren und Generatoren in fröhlichen Pop- Farben, die Wärmeenergie aus dem Reaktor in elektrische Energie verwandeln, könnten ebenso zu einem konventionellen Kraftwerk gehören.

Erst das monumentale Reaktorgebäude und der Blick von oben ins tiefblaue, geheimnisvoll leuchtende Innere eines Reaktordruckbehälters lassen ahnen, wo man sich befindet. Von dort geht es alsbald in den Untergrund - in einer langen Sequenz immer unwirtlicherer Tunnels, die sich schließlich in Nebel auflösen. Am Ende steht purer Symbolismus: Die nur noch schemenhaften letzten Bilder stehen wohl für das nach wie vor ungelöste Problem der Endlagerung radioaktiver Abfälle.

Danners Buch kollagiert die Bilder dramaturgisch geschickt. Die Perspektive wechselt von Nahsicht zur Totale, vom Detail zur Serie, um sich vom Schauplatz zu entfernen und aus der Distanz zu beobachten. Erklärt wird nichts, gezeigt viel. Skurrile Merkwürdigkeiten wie das nie in Betrieb genommene, heute zum Vergnügungspark umfunktionierte AKW Kalkar kommen nicht vor. Erwartungen im Hinblick auf die Gefährlichkeit von Kernkraftwerken werden nur schwach bestätigt. Denn Danners Aufnahmen haben nichts von dem Schrecken der Fotos, die von der steigenden Radioaktivität des geborstenen Atomkraftwerks Fukushima sprechen. Doch sind es in Japan letztlich die Ruinen, die Furcht und Entsetzen einflößen. Die tödliche Radioaktivität selbst lässt sich nicht abbilden, genauso wenig wie der Prozess der Kernspaltung, der sich aller Anschauung entzieht.

Im Anschluss an Walter Benjamin spricht die Fotohistorikerin Susanne Holschbach im Begleittext vom "Gehäuse des Unsichtbaren". Weil sich in Atomkraftwerken normalerweise die Realität nicht an der Oberfläche zeige, rücke Danner Räume und Dinge isoliert ins Blickfeld. Sie dienten zum Beweis der Anforderungen an die unabdingbare Disziplin der dort tätigen Mitarbeiter. Denn nur indirekt lasse sich zeigen, worum der ganze Apparat der Disziplinierung kreise - "die unsichtbare Radioaktivität, von der möglichst wenig nach außen dringen soll".

Schleusen, Warnhinweise, Schutzanzüge und Dosimeter, Messstationen, Reinigungs- und Untersuchungsräume - am Ende von Michael Danners Bildkaleidoskop weiß der Betrachter zwar nicht viel mehr über Kernspaltung und die Arbeitsabläufe in einem deutschen Atomkraftwerk. Aber er hat ein Gefühl für die Risiken, Gefahren und Grenzen technischer Kontrollsysteme im AKW- Ambiente entwickelt. Die Kernphysik lehrt, dass kritische Masse unter anderem von der Dichte und Form des Objektes abhängt. Das gilt auch für Danners Fotografien. Nur dass die kritische Reaktion im Auge des Betrachters ausgelöst wird.

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Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.

 

Reviews

Frankfurter Allgemeine Zeitung
Ein Fotobuch über die Atomkraft in Deutschland
Ulla Fölsing , 11.11 2013

"Kritische Masse" bezeichnet in der Kernphysik die für eine Kettenreaktion nötige Mindestmenge spaltbarer Stoffe. Genauso hat Michael Danner jetzt sein Fotobuch über die Atomkraft in Deutschland genannt. 135 Aufnahmen aus den Jahren 2007 bis 2011 dokumentieren Architektur, Sicherungssysteme und Alltag von 17 aktiven oder kürzlich abgeschalteten Kernkraftwerken (AKW) wie Isar, Grafenrheinfeld, Brokdorf und Krümmel sowie vom Endlager Asse II und dem Erkundungsbergwerk Gorleben. Danners Kamera schaut dabei ins Innere von normalerweise unzugänglichen Bereichen. Aus der Fülle der narrativ zusammengebundenen Bilder entsteht eine bundesdeutsche AKW-Chronologie.

Zum Einstieg verwendet Danner historische Schwarzweißfotos aus Landesarchiven und von seinem Kollegen Günter Zint aus den siebziger und achtziger Jahren. Sie erinnern an die heftigen Konflikte und bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen zwischen Kernkraftgegnern und Staatsgewalt bei der Planung und beim Bau von Atomkraftwerken. Auf Zints martialische Kampfszenen aus Brokdorf, Gorleben und Wackersdorf mit Hundertschaften militanter Demonstranten, massiver Polizeipräsenz, Wasserwerfern, Tränengas und Hubschraubereinsatz lässt Danner ruhige Landschaftsbilder in sanften Farben folgen. Sie zeigen intakte, schöne Natur und schließlich eine ländliche Siedlung in der Abenddämmerung.

Eher nebensächlich tauchen am Horizont in bewährter Atomkraft-Ikonografie Kühltürme wie die Türme einer Kathedrale auf. Aus der Ferne führt der Fotograf an die Gebäude einzelner Kraftwerke heran, durchquert die Schleusen ihrer Eingangsbereiche, gelangt über Büros, Kantinen, Untersuchungszimmer und Umkleideräume in Schaltzentralen, Maschinenräume und schließlich in den innersten Bereich des Reaktors zur Stahlkugel mit eingelagerten Brennstäben.

Der Weg ins Allerheiligste verläuft wenig spektakulär: Wände voller penibel aufgereihter Schlüssel, Schließfächer, Aktenschränke, Schreibtische und Zimmerpflanzen muten wie ein beliebiges Büroumfeld an, und selbst das einsame Kruzifix in der Warte des AKW Isar scheint bajuwarische Normalität. Auch die Steuerzentrale mit Schalttafeln und Monitoren verweist eher auf postindustrielle Produktionsprozesse, nicht aber auf das besondere Gefahrenpotential von Arbeitsplätzen in Kernkraftwerken. Die Turbinen, Kondensatoren und Generatoren in fröhlichen Pop- Farben, die Wärmeenergie aus dem Reaktor in elektrische Energie verwandeln, könnten ebenso zu einem konventionellen Kraftwerk gehören.

Erst das monumentale Reaktorgebäude und der Blick von oben ins tiefblaue, geheimnisvoll leuchtende Innere eines Reaktordruckbehälters lassen ahnen, wo man sich befindet. Von dort geht es alsbald in den Untergrund - in einer langen Sequenz immer unwirtlicherer Tunnels, die sich schließlich in Nebel auflösen. Am Ende steht purer Symbolismus: Die nur noch schemenhaften letzten Bilder stehen wohl für das nach wie vor ungelöste Problem der Endlagerung radioaktiver Abfälle.

Danners Buch kollagiert die Bilder dramaturgisch geschickt. Die Perspektive wechselt von Nahsicht zur Totale, vom Detail zur Serie, um sich vom Schauplatz zu entfernen und aus der Distanz zu beobachten. Erklärt wird nichts, gezeigt viel. Skurrile Merkwürdigkeiten wie das nie in Betrieb genommene, heute zum Vergnügungspark umfunktionierte AKW Kalkar kommen nicht vor. Erwartungen im Hinblick auf die Gefährlichkeit von Kernkraftwerken werden nur schwach bestätigt. Denn Danners Aufnahmen haben nichts von dem Schrecken der Fotos, die von der steigenden Radioaktivität des geborstenen Atomkraftwerks Fukushima sprechen. Doch sind es in Japan letztlich die Ruinen, die Furcht und Entsetzen einflößen. Die tödliche Radioaktivität selbst lässt sich nicht abbilden, genauso wenig wie der Prozess der Kernspaltung, der sich aller Anschauung entzieht.

Im Anschluss an Walter Benjamin spricht die Fotohistorikerin Susanne Holschbach im Begleittext vom "Gehäuse des Unsichtbaren". Weil sich in Atomkraftwerken normalerweise die Realität nicht an der Oberfläche zeige, rücke Danner Räume und Dinge isoliert ins Blickfeld. Sie dienten zum Beweis der Anforderungen an die unabdingbare Disziplin der dort tätigen Mitarbeiter. Denn nur indirekt lasse sich zeigen, worum der ganze Apparat der Disziplinierung kreise - "die unsichtbare Radioaktivität, von der möglichst wenig nach außen dringen soll".

Schleusen, Warnhinweise, Schutzanzüge und Dosimeter, Messstationen, Reinigungs- und Untersuchungsräume - am Ende von Michael Danners Bildkaleidoskop weiß der Betrachter zwar nicht viel mehr über Kernspaltung und die Arbeitsabläufe in einem deutschen Atomkraftwerk. Aber er hat ein Gefühl für die Risiken, Gefahren und Grenzen technischer Kontrollsysteme im AKW- Ambiente entwickelt. Die Kernphysik lehrt, dass kritische Masse unter anderem von der Dichte und Form des Objektes abhängt. Das gilt auch für Danners Fotografien. Nur dass die kritische Reaktion im Auge des Betrachters ausgelöst wird.

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